Die Sonne ist längst hinter dem Monte Brione verschwunden. Über dem Wasser bei Torbole liegt dieses tiefe Blau, das nur wenige Minuten lang exakt so steht – danach kippt es ins Schwarz, davor ist es noch zu warm. Es ist die Stunde, für die man Stative überhaupt erst kauft. Und es ist die Stunde, in der sich entscheidet, ob ein Reisestativ wirklich eines ist.
Ich habe das VEO 5 264CB160S über mehrere Tage am nördlichen Gardasee testen können – und zwischendurch auf einer Bundesgeschäftsführer-Konferenz, bei der ich Foto- und Videoarbeit übernommen habe. Zwei Welten, die unterschiedlicher kaum sein könnten: einmal Kies, Wind und Wasser, einmal Teppichboden, Vortragsbühne und Saalakustik. Genau dieser Spagat macht ein Reisestativ interessant.
Erster Eindruck: leicht, aber nicht zerbrechlich
Was beim Auspacken sofort auffällt: 1,77 Kilogramm sind in der Hand spürbar wenig – ohne dass das Stativ dabei filigran wirkt. Die 26 mm dicken Carbonbeine in der typischen Geflechtoptik haben Substanz, die Dreh-Verschlüsse sitzen satt, und die schlanke, sechseckige Mittelsäule ist eine kleine Designentscheidung mit großer praktischer Wirkung: Im eingeklappten Zustand lässt sich das Stativ deutlich kompakter packen, als man es von einem Vollformat-Reisestativ erwartet. Mit 60,6 cm Packmaß landet es ohne Murren in den meisten Fotorucksäcken – auch in meinem.
Mitgeliefert wird eine gepolsterte Tragetasche mit Schultergurt. Klingt nach einem Detail, ist aber im Reisealltag genau das, was man unterwegs braucht – nicht jeder Flug, nicht jede Bahnfahrt verträgt das Stativ am Rucksack baumelnd.

Praxis I: Gardasee – Kies, Wasser, Wind
Der nördliche Gardasee ist ein ehrlicher Prüfstand. Der Untergrund wechselt im Minutentakt: weißer Kalkkies, vereinzelte größere Steine, sandige Übergänge, Holzstege, dann wieder Wasser. Wer hier landschaftsfotografisch arbeitet, stellt das Stativ selten zweimal auf denselben Boden.
Spikes, die wirklich helfen
Die integrierten, einziehbaren Stahlspikes in den Gummifüßen sind das stille Highlight des VEO 5. Mit zwei, drei Drehungen wechselt man je nach Untergrund von Gummi auf Spitze – und genau das macht den Unterschied zwischen einer wackelnden Konstruktion und einem fest verankerten Stativ. Auf den groben Kalkkiesfeldern bei Torbole hatten die Spikes spürbar mehr Biss als die Gummifüße. Sobald sie zwischen den Steinen Halt finden, fühlt sich das Setup wie festgeklopft an.
Auch im flachen Wasser stand das Stativ bemerkenswert ruhig. Ich habe es über mehrere Aufnahmen hinweg knöcheltief in den See gestellt, ohne dass die Beinsegmente unangenehm zu klemmen begannen. Im Gegenteil: Genau für solche Einsätze ist die VEO 5-Serie so konstruiert, dass sich die Beinsegmente zur Reinigung zerlegen lassen – ein Detail, das man erst zu schätzen weiß, wenn man irgendwann doch einmal den feinen Kalksand aus den Verschlüssen waschen muss.

Drei Beinwinkel, die man wirklich nutzt
Der VEO 5 bietet drei rastende Beinwinkel: 23°, 50° und 80°. In der Theorie liest sich das nach einer typischen Spec-Aufzählung. In der Praxis am Wasser bedeutet es: Ich kann das Stativ in extrem flacher Stellung direkt an der Uferlinie aufbauen, ohne Mittelsäule, mit der Kamera zentimeternah über dem Kies. Genau diese Perspektive – die Wellenbewegung knapp über dem Boden, das Wasser im Vordergrund, die Berge im Hintergrund – lebt davon, dass das Stativ ohne Verrenkungen mitmacht.
Die teilbare Mittelsäule – ein Workflow-Gewinn
Was Vanguard bei der VEO 5-Serie konstruktiv besonders elegant gelöst hat, ist die teilbare Mittelsäule. Für Low-Angle-Aufnahmen muss der Kugelkopf nicht abgeschraubt und getauscht werden – man dreht einfach das untere Stück der Mittelsäule heraus, und das Stativ fährt deutlich tiefer herunter. Im Feld, mit kalten Fingern und nachlassendem Licht, ist das ein Workflow-Vorteil, den man nach einer einzigen Blauen Stunde nicht mehr missen will.

Last und Stabilität: Sony Alpha mit langem Tele
Die spannendste Disziplin war für mich der Einsatz mit einem schweren Telezoom. Vollformat-Body plus weißes Sony-Tele am Kugelkopf, am Stativfuß des Objektivs montiert – das ist eine ernsthafte Belastung für ein Reisestativ. Die offizielle Traglast von 15 Kilogramm bleibt davon weit unberührt, aber Traglastangaben sind das eine; das tatsächliche Schwingungsverhalten unter realer Last ist das andere.
Mein Befund: Bis etwa zum mittleren Beinauszug arbeitet das VEO 5 ausgesprochen ruhig, auch mit der langen Brennweite. Bei vollem Auszug – also wenn ich auf die maximale Arbeitshöhe von 170 cm gehe – entsteht systembedingt eine leichte Restwackelneigung, die in Telebrennweiten und bei langen Verschlusszeiten sichtbar werden kann. Das ist keine Schwäche des konkreten Modells, sondern Physik: Ein vier-segmentiges Reisestativ, das auf Packmaß und Gewicht optimiert ist, kann nicht die gleiche Verwindungssteifigkeit bieten wie ein massives Studio-Dreibein. Wer das verstanden hat, arbeitet ohnehin mit Auslöseverzögerung von zwei Sekunden oder einem Funkauslöser – und damit ist das Thema gelöst. Den mitgelieferten Lasthaken zur zusätzlichen Beschwerung mit Rucksack oder Stein habe ich ehrlich gesagt gar nicht erst gebraucht; das Stativ steht von sich aus stabil genug. Schön zu wissen, dass die Reserve da wäre.
Der VEO BH-160S: Schaltzentrale mit Doppelachse
Im Set ist der VEO BH-160S Kugelkopf enthalten – Arca-kompatibel, mit einer Traglast von ebenfalls 15 Kilogramm. Was ihn von vielen Mitbewerbern unterscheidet, ist das Doppelachsensystem: Neben der klassischen Panorama-Drehung an der Basis lässt sich auch die obere Schale unabhängig drehen. Das klingt im ersten Moment redundant, ist aber in der Praxis genau das Feature, mit dem man auf unebenem Untergrund saubere Panoramaschwenks hinbekommt – die Basis bleibt geneigt zur Beinkonfiguration, die obere Achse läuft horizontal. Wer schon einmal versucht hat, auf einer schrägen Uferböschung ein zweireihiges Panorama zu nadeln, weiß, was das wert ist.
Die Bedienelemente in der typischen kupferfarbenen Vanguard-Optik sind auch mit klammen Fingern noch zu greifen, der Klemmweg ist klar definiert, und die Schnellwechselplatte (QS-62V3) sitzt fest. Kein Spiel, kein Nachgeben.
Praxis II: Konferenzeinsatz – wenn Höhe entscheidet
Wenige Tage später dann der völlige Kontrast: Foto- und Videodokumentation einer Bundesgeschäftsführer-Konferenz. Anderer Schauplatz, andere Anforderungen – und genau hier hat sich die maximale Arbeitshöhe von 170 cm als großer Vorteil erwiesen. Über die Köpfe der sitzenden Teilnehmer hinweg, freie Sicht auf die Bühne, sauberer Bildausschnitt: Das VEO 5 hat hier unauffällig und zuverlässig seinen Job gemacht.

Was mir noch aufgefallen ist
Ein paar kleine Beobachtungen, die ich für ehrliche Reviews wichtig finde:
Die Dreh-Verschlüsse arbeiten leicht und gleichmäßig, auch bei Kälte am Morgen. Das ist nicht selbstverständlich – ich habe schon Stative gehabt, die bei einstelligen Temperaturen anfingen zu klemmen.
Das Carbongeflecht ist haptisch angenehm: nicht zu glatt, nicht zu rau. Auch ohne separate Beinpolsterung lässt sich das Stativ bei niedrigen Temperaturen tragen, ohne dass die Hand abfriert.
Die schlanke Bauweise der Stativschulter ist eine der Stellen, wo der Carbon-Pack-Vorteil voll greift. Das Stativ liegt flach am Rucksack an, statt sperrig abzustehen.
Was man wissen sollte: Bei voller Auszugshöhe und schwerem Tele kommt – wie oben beschrieben – ein wenig Resonanz ins System. Mit Auslöseverzögerung oder Funkauslöser ist das in der Praxis ein Nicht-Thema. Ohne sie ist es eines.
Für wen ist das VEO 5 264CB160S?
Das Stativ richtet sich an alle, die mobil arbeiten und nicht auf Stabilität verzichten wollen: Landschaftsfotografinnen, Reisefotografen, Outdoor-Filmer, Eventbegleitung, Hybrid-Workflows zwischen Foto und Video. Es ist kein Studiostativ und will auch keines sein. Es ist ein verlässlicher Begleiter, der ins Handgepäck passt, der nass werden darf, der auf Kies, Sand, Stein und glattem Boden gleichermaßen funktioniert – und der mit dem Doppelachsen-Kugelkopf eine Bedienlogik mitbringt, die ambitioniertes Arbeiten erlaubt.
Wer mit massivem Cine-Glas arbeitet oder Astrofotografie mit Nachführung im Sinn hat, wird ohnehin zu spezialisierten Lösungen greifen. Für alles dazwischen ist das VEO 5 264CB160S eine sehr durchdachte Antwort auf die alte Reisestativ-Frage: Wie viel Stabilität bekomme ich für wie wenig Gewicht?
Fazit
Ich nutze Vanguard-Stative seit Jahren – und das VEO 5 264CB160S ist für mich ein deutlicher Schritt nach vorne. Die Kombination aus niedrigem Gewicht, kompaktem Packmaß, durchdachter Mittelsäulen-Konstruktion und dem VEO BH-160S Kugelkopf mit Doppelachse ergibt ein Werkzeug, das sowohl am See als auch im Konferenzsaal funktioniert, ohne dass man Kompromisse spürt – solange man sich der Physik eines Reisestativs bewusst ist und die zwei Sekunden Auslöseverzögerung als das nimmt, was sie sind: keine Schwäche, sondern professionelle Praxis.
Am Gardasee, knöcheltief im Wasser, mit der Kamera dicht über den Wellen und der Sicht hinüber zum gegenüberliegenden Ufer, war das VEO 5 dort, wo ich es brauchte: ruhig, fest, unauffällig. Mehr darf man von einem Stativ nicht erwarten – und weniger sollte man nicht akzeptieren.

Werner Giove ist Fotograf, Dozent für digitales Marketing und langjähriger Anwender der Vanguard-Stativserien. Sein fotografischer Schwerpunkt liegt auf Outdoor-, Expeditions- und Unterwasserfotografie. Mehr unter rheinmainfotografie.de.
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